Mit aller Kraft brüllt Elena Selishev gegen die Abschiebepolitik der Europäischen Union
an. Gemeinsam mit anderen Asylbewerbern und illegalen Einwanderern ist sie zum
Europäischen Parlament in Brüssel gekommen, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen,
denn bereits seit acht Jahren warten sie und ihre Familie auf eine Antwort auf
ihren Asylantrag.
Schrecken in der Heimat setzt
sich im Asylland fort
"Das ist unerträglich – vor
allem für meine drei Kinder. Sie wollen endlich ordentliche Papiere und ein
normales Leben führen", sagt die 35-Jährige Frau aus Usbekistan. Gemeinsam
mit ihrem Mann Konstantin ist sie 2000 nach Belgien gekommen und hat Asyl
beantragt. In ihrem Heimatland fühlte sich das Paar verfolgt und der Gewalt von
Kriminellen ausgesetzt. Mehr wollen beide nicht dazu sagen.
Aber
in Belgien wurde ihr Antrag erst einmal abgelehnt, der Einspruch läuft noch. Also
wartet die Familie – in einem Auffanglager für Asylbewerber im flämischen Lanaken, unweit der holländischen Grenze. Hier leben die
Eltern mit ihren drei Kindern in einem 15 Quadratmeter großen Zimmer. Die
Regeln sind streng. Besuch darf nur draußen empfangen werden. Essen gibt es zu
festen Zeiten im Speisesaal. Arbeiten außerhalb des Heims ist verboten.
Abschiebehaft: Ein Trauma für
Kinder
Die Kinder von Elena Selishev sind scheu. Fremden trauen sie seit November
letzten Jahres nicht mehr, erzählt die Mutter. Damals hat die Polizei die
Familie in der Wohnung abgeholt, dem Sohn legten sie sogar Handschellen an. "Dabei
war er erst 14 Jahre alt. Er musste all seine Hosentaschen leeren. Sie haben
ihn wie einen Kriminellen behandeln", sagt Elena Selishev.
Seitdem habe er Angst.
Damals war Nikitas Vater von der
Polizei auf der Straße kontrolliert worden. Er hatte keine Papiere bei sich und
wurde deshalb zu einem illegalen Einwanderer erklärt. Gemeinsam mit seiner
gesamten Familie wurde er in ein Abschiebegefängnis am Brüsseler Flughafen
gebracht – und dort für zwei Monate eingesperrt. "Es war schrecklich
dort", erinnern sich die Kinder Margarita und Nikita. "Wir konnten
nur sehr schlecht schlafen." Das Zimmer mussten sie sich mit 20 anderen
teilen und viele Erwachsene haben geraucht.
EU will die Bedingungen
verbessern – vor allem für Kinder
Den Raum verlassen durften sie
nur einmal am Tag und zwar mittags für zehn bis 15 Minuten: unmenschliche
Haftbedingungen – sogar für Kinder. Damit soll Schluss sein, fordert nun das
Europäische Parlament. In der EU-Rückführungsrichtlinie, die in der ersten
Juniwoche von den Abgeordneten verabschiedet werden soll, gelte den
Minderjährigen besondere Aufmerksamkeit, sagt der CSU-Europa-Abgeordnete
Manfred Weber. "Die Kinder müssen Zugang zu Bildung bekommen, die Einheit
der Familie muss erhalten bleiben."
Aber trotz dieser Schutzrechte
kritisieren Nichtregierungsorganisationen die Richtlinie. Sie erlaube nämlich
eindeutig Abschiebehaft für Kinder für eine Dauer von bis zu 18 Monaten. Benoît
van Keirsbilck vom belgischen Kinderschutzbund meint,
dass die Abschiebehaft bislang noch als menschenunwürdig in der Gesellschaft
gelte. "Aber wenn es in einem Gesetzestext steht, werden die Staaten auf
jeden Fall davon Gebrauch machen."
Es ändert sich etwas, aber nur
langsam
In Belgien plant die Regierung
nun immerhin, spezielle Gefängnisse für Familien einzurichten, in denen die
Kinder von einem Tutor betreut werden und auch zur Schule gehen dürfen.
Die Familie Selishev
wurde nach zwei Monaten Haft freigelassen. Die Behörden hatten sich geirrt: Der
Asylantrag der Familie wird noch bearbeitet. Die Haft war damit illegal. Also
warten sie wieder – auf eine positive Antwort. Denn nur die könnte sie vor
erneuter Haft und der Abschiebung retten.